Aus Weitschweifs Wörterbüchlein : Mystik
(…) Da menschliche Wesen ihre Weltorientierung und ihren Geist als vornehmlich sprachlich geleitet wahrnehmen, sobald sie nur in der Lage sind, ein erstes Wort auszusprechen, ist dieser Ausgang [aus dem Labyrinth] der uns eigentlich nächste – wie zugleich scheinbar entfernteste. Und die Mystik eben deshalb eigentlicher Ursprung sowie stets untergründige Gegenströmung auch philosophischer Traditionsbildung. Gleichsam ein Sandfluss in deren wachsenden Wüsten.
Das dürfen wir Wolfram Eilenbergers, 2026 erschienenem Büchlein „Die Gegenwart der Philosophie (Ein Wegweiser)“ lesen, im letzten Kapitel dessen. Und wem die Geschichte der Philosophie im Allgemeinen oder – zum Beispiel – die der „Analytischen Philosophie“ im Speziellen immer schon ein Böhmisches Dorf war und gewillt ist, über Labyrinthe und deren Ausgänge gemeinsam mit Herrn Eilenberger nachzudenken, sei sein „Wegweiser“ wärmstens ans Herz belegt.
Nun gut, „Mystik“ also. Wir sind verunsichert, wenn auch Herr Eilenberger wenige Zeilen zuvor eine kleine Hilfestellung anreicht, die einer Einordnung eben dieses Begriffes dienen möge
Mystik, hier denkbar weit verstanden, als Weg hin zu Erfahrungen vollendeter Geistesgegenwart jenseits aller sozial anerzogenen Differenzierungsfähigkeiten, insbesondere begrifflicher Art. Also als Weg konzentrierter Dekonditionierung und sprachverwindender Versenkung. Mithin als ein Weg noch jenseits der Unterscheidung von Philosophie und Religion.
Wir sind verunsichert, in welche Richtung es gehen wird, gehen soll und versuchen uns erst einmal diesseitig ein wenig an dem Begriff; wie immer einer der ersten Anläufe, der über [WAHRIG]:
Mystik (f. 20; unz.) Form relig. Erlebens, bei der nach vorbereitender Askese durch Versenkung od. Ekstase innige Verbindung mit einer Gottheit od. dem Göttlichen gesucht wird • sich mit einer Aura von ~ und Magie umgeben; mittelalterliche ~; eine Flucht in die ~ [zu lat. mysticus ‹grch. mystikos „die Mysterien betreffend, geheimnisvoll; geheim“; zu grch. myein „(Augen u. Lippen) schließen“]
Wir wollen da jetzt nicht herummäkeln, aber Mystik und Magie in einem Atemzug in ein Beispiel zu giessen, halten wir (obwohl wir gleichfalls Mystisches und Magisches in uns vereinen) einer Klärung des Objekts nicht dienlich. Etwas schmallippiger formuliert entnehmen wir dem „Das Philosophie-Buch“ (DK)
Mystik Intuitives Wissen, transzendiert die natürliche Welt, versucht das Übersinnliche durch Versenkung in die Innenwelt zu erfassen.
Wie immer, wenn es unsicheres Terrain bei dergleichen Begrifflichkeiten zu begehen gilt, reicht das „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ [HdA] einen Halt bietenden Handlauf
Mystik. 1. Der Name M. deckt eine Reihe geistiger Erscheinungen, von denen man sich gewöhnlich einen unklaren, in rationalistischen Zeiten verächtlichen Begriff macht. Wir wollen demgegenüber als M. nur jene religiösen Erscheinungen begreifen, deren Kennzeichen das von Leisegang als Urerlebnis bezeichnete Geschehen ist: Der Mensch, der den ihn umgebenden Dingen erkennend und sich ihrer, bemächtigend gegenübersteht, hebt die Subjekt-Objekt-Spaltung auf und erlebt sich selbst in den Dingen, die Dinge in sich selbst.
Weiterhin wird unter 3. deutlich davon geschrieben, dass das Okkulte nicht mit der Mystik in Zusammenhang zu bringen wäre, aber wohl (unter 4.), dass die Schüler Paracelsus als stramme Adepten wussten, dass auf mystischem Wege höhere Kenntnisse zu erlangen seien. 5. konstatiert, dass Mystik nix im Volke habe, aber 6. drückt das [HdA] noch mal auf die Tube:
Eine besondere Erwähnung scheint mir die „indische M.“ zu erfordern. In weiten Kreisen, vor allem okkultistisch Interessierter, bemächtigt man sich ihrer und der ihr eigentümlichen Übungen als eines Mittels, Erkenntnis und Förderung (auf geistigem Wege) zu erlangen. Ich darf hier etwa an die Übungen, die Steiner verlangt, (…) und anderes mehr erinnern.
Wir wissen, wenn Herr (Rudolf) Steiner, der bei Anthroposophen nicht geringe, teils bedenkliche, sehr bedenkliche Spuren hinterlassen hat, die Bühne betritt, es in Deckung zu gehen gilt. Auf der einen Seite. Auf der Anderen wollen wir die Bemühungen unserer indischen Freunde, nämlich den Erkenntisgewinn zu steigern, gut finden, wie wir uns auch sicher sein wollen, dass Herr Eilenberger sich dem anschlösse…
Herrn Hans Biedermann als verlässlichen Garant, wenn es darum geht Licht in verwirrende Angelegenheiten zu bringen, berichtet in seinem „Lexikon der magischen Künste“:
MYSTISCH, im allg. Sprachgebrauch oft im Sinne von »dunkel, geheimnisvoll« (lt. Duden!) verwendet, bedeutet grundsätzlich etwas anderes als magisch. Während die → Magie eine aktive Haltung voraussetzt, ist die Mystik im weiteren Sinn ein Suchen der Vollendung auf intuitivem Wege, etwa ein Streben nach Einswerden mit der Gottheit, wobei der Umweg über das rationale Denken gerne übersprungen wird; gr. myein bedeutet eigentl. das Schließen der Augen, damit die Abkehr von der Außenwelt, verbunden mit verinnerlichtem Suchen des letzten Urgrundes. An die Stelle verstandesmäßigen Philosophierens tritt die relig. Ergriffenheit, das Erlebnis, die Andacht, alles im Sinne einer unmittelbaren und kaum näher definierbaren, daher nur in Metaphern zu schildernden relig. Erfahrung.
Und Herr Biedermann zitiert seinerseits aus Herrn W. F. Bonins „Lexikon der Parapsychologie und Grenzgebiete“, da wollen wir ihm nicht nachstehen! Mystik sei
eine Erkenntnisform, die an keine Religion gebunden ist; der Versuch, der Gottheit und dem Absolutem jenseits der Ratio in innerer Erfahrung zu begegnen; (…)
Herr Biedermann weist im weiteren Text darauf hin, dass wohl hier und da die Mystik in der Esoterik rumeimert(e) und zitiert erneut, diesmal aus Herrn L. Gardets „Mystische Erfahrungen in nicht-christlichen Ländern“, nämlich, dass die Mystik
geblendeten Auges die Liebe als Führerin empfängt und im Nicht-Wissen mündet: Auf Erden kann es eine unmittelbare Bemächtigung Gottes nicht geben. Wohl aber kann es hier eine Erfahrung geben auf dem Weg des fruchtbaren Nicht-Wissens von den durch die Gnade mitgeteilten Tiefen Gottes, eines Nicht-Wissens, das in der Liebes-Meditation erlangt wird.
Oha, „Liebes-Meditation“, gut dass diese mystische Erfahrung wohl so nur in nicht-christlichen Regionen einfährt, denn wir waren kurz davor, die Verzückung der Heiligen Teresa von Ávila, die hier und da als Mystikerin attribuiert wird, falsch zu interpretieren, wo sie doch behauptete, dass ein Engel mit
langen goldenen Pfeil mit Feuer an der Spitze ihr Innerstes durchdrang … und ich blieb erfüllt von flammender Liebe zu Gott. Der Schmerz war so stark, daß ich klagend aufschrie. Doch zugleich so süß, daß ich dem Schmerz ewige Dauer wünschte.

Bild: Statue der Heiligen Teresa in mystischer Verzückung (in der Karmelitenkirche Rom; in 5 jähriger Arbeit von Herrn Gian Lorenzo Bernini aus einem Mamorblock geklopft und 1652 fertiggestellt; Wikipedia entnommen)
Nun gut, Theresa war Nonne. Katholische. Da konnte eigentlich nix schiefgegangen sein.
Zurück zu Herrn Biedermann, der den Eintrag „Mystisch“ mit einem weiteren und recht schönem Zitat (welches gleichwohl in unserer bescheidenen und an Erleuchtungen armen Erfahrenswelt wiedergefunden werden kann und) uns verstehen hilft: der von ihm zitierte Herr H. E. Miers schreibt in seinem „Lexikon des Geheim-Wissens“
Völlig unsinnig ist es auch, etwas, das man nicht versteht, als ,mystisch‘ zu bezeichnen, wie man es fast täglich in der Tagespresse lesen kann, wenn von unaufgeklärten Sachverhalten die Rede ist.
Wir, ebenfalls Mystik denkbar weit verstehen wollend, bewundern Herrn Eilenbergers Mut.
jott
Die Gegenwart der Philosophie (Ein Wegweiser), Wolfram Eilenberger, Cotta, 2026
- Deutsche Nationalbibliothek : https://d-nb.info/1392816408
Wolfram Eilenberger
- Wikipedia : https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfram_Eilenberger
- Deutsche Biographie : https://www.deutsche-biographie.de/pnd130889067.html
Mystik
- Wikipedia : https://de.wikipedia.org/wiki/Mystik
- Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache : https://www.dwds.de/wb/Mystik
Teresa von Ávila
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Alle erwähnten Bücher sind unter den Quellen zu finden, hier.
Alle Internetzverbinder abgerufen am 2026
[Zitationshilfe] : „Aus Weitschweifs Wörterbüchlein : Mystik“ unter jottBlog : https://jottblog.langkau.name/2026/07/12/ww-mystik/ : aufgerufen am 00.00.20xx.
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